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Kormoran im Jura: Streit zwischen Anglern und Vogelschützern

Fischer steht im Fluss, während ein Kormoran mit einem Fisch im Schnabel über ihm fliegt.
In diesem Artikel
  1. Die Warnung des Fischereiverbands vor dem Kormoran
  2. Ein geschützter Vogel und eine rechtliche Ausnahme
  3. Vogelschützer mahnen zur Einordnung
  4. Zwischen Wissenschaft, Emotionen und Politik
  5. Wie es im Jura weitergehen könnte

Eine schwarz gefiederte Silhouette sorgt für Streit zwischen Anglern, Fischzüchtern und Vogelschützern: der Kormoran. Während sich die Vögel im Winter an Schlafplätzen entlang der Flüsse und Seen des französischen Départements Jura sammeln, erlaubt eine Anordnung der Präfektur begrenzte Abschüsse in Fischzuchtanlagen, nicht aber an offenen Gewässern. Örtliche Fischereiverbände sehen dadurch geschützte Wildfische einer gefährlichen Belastung ausgesetzt.

Die Warnung des Fischereiverbands vor dem Kormoran

Der Fischereiverband des Départements Jura hat eine eigene Überschlagsrechnung aufgestellt. Ausgangspunkt ist eine Zahl der französischen Vogelschutzliga LPO, der wichtigsten Vogelschutzorganisation des Landes: Demnach überwintern jedes Jahr etwas mehr als 600 Kormorane im Département.

Nach Angaben des Verbands frisst jeder Vogel täglich ungefähr ein halbes Kilogramm Fisch. Hochgerechnet auf die sechs bis sieben Monate, die die Kormorane üblicherweise von Oktober bis April bleiben, ergibt sich eine Zahl, die Angler alarmiert.

Verantwortliche der örtlichen Fischerei schätzen, dass überwinternde Kormorane in den Gewässern des Jura pro Saison mehr als 50 Tonnen Fisch fressen.

Für Roland Brunet, den Vorsitzenden des Fischereiverbands des Départements, wirft diese Menge eine grundsätzliche Frage auf: Was bringen hohe Ausgaben für die Wiederherstellung von Flüssen, Laichplätzen und Fischdurchgängen, wenn aus Sicht der Angler ein grosser Teil der wieder aufgebauten Bestände von Kormoranen gefressen wird?

Ein geschützter Vogel und eine rechtliche Ausnahme

Europäisches und französisches Recht stellen den Kormoran unter Schutz. Er darf nicht frei bejagt werden. Dieselben Gesetze sehen aber Ausnahmen vor: Bei nachgewiesenen erheblichen Schäden können Behörden gezielte Abschüsse genehmigen, üblicherweise zum Schutz der Fischerei oder der biologischen Vielfalt.

Im Jura unterzeichnete der Präfekt im November 2025 eine entsprechende Anordnung. Sie erlaubt in dieser Wintersaison den Abschuss von höchstens 300 Kormoranen, allerdings ausschliesslich auf abgeschlossenen Gewässern der Fischzucht. Als Begründung dienen unmittelbare wirtschaftliche Verluste der Fischzuchtbetriebe.

Durch die Beschränkung auf Teiche und Becken entsteht an natürlichen Flüssen und Seen, den sogenannten offenen Gewässern, eine Grauzone. Für Angler ist die Unterscheidung ökologisch wenig sinnvoll, denn der Vogel halte sich nicht an Grundstücksgrenzen.

Ein Kormoran, der im Morgengrauen eine Fischzuchtanlage aufsucht, kann schon mittags in einem öffentlichen Fluss wilde Forellen jagen.

Angler sehen Wildfische schlechter geschützt

Unter den Anglern im Jura wächst der Unmut darüber, dass für den Verkauf gezüchtete Fische rechtlichen Schutz geniessen, der Wildarten verwehrt bleibt. Dabei gelten manche dieser Wildfische selbst als geschützt oder gefährdet.

Einheimische verweisen auf typische Arten der Flüsse im Jura:

  • Die Bachforelle, die bei Fliegenfischern geschätzt wird und empfindlich auf die Wasserqualität reagiert
  • Den Hecht, einen Spitzenprädator, der für das Gleichgewicht der Ökosysteme wichtig ist
  • Die Äsche, die auf schnell fliessendes, sauerstoffreiches Wasser spezialisiert ist und zunehmend gefährdet wird

Alle drei Arten sind auf saubere, kühle Flüsse, Kiesbetten und intakte Auen angewiesen. Seit Jahren finanzieren der Verband und öffentliche Stellen die Renaturierung von Ufern, Fischaufstiegshilfen und Besatzprogramme. Die kostspieligen Massnahmen werden grösstenteils über Angellizenzen und öffentliche Mittel bezahlt.

Vogelschützer mahnen zur Einordnung

Die LPO und andere Naturschutzorganisationen raten auf der anderen Seite zur Vorsicht. Kormorane seien zwar gefrässig, doch die einfache Rechnung mit der „Tonnenzahl“ verdecke ein komplexeres Nahrungsnetz.

Nicht jedes Beutetier ist ein begehrter Fisch für Angler. Häufig handelt es sich um kleine Karpfenfische, invasive Arten oder bereits durch Verschmutzung oder Krankheiten geschwächte Tiere. Kormorane suchen oft flache, beeinträchtigte Flussabschnitte auf, in denen sich Fische konzentrieren und leichter zu fangen sind.

Für Ornithologen ist der Kormoran weniger ein Eindringling als vielmehr ein sichtbares Symptom dafür, dass die Flüsse bereits unter Druck stehen.

Naturschützer erinnern zudem daran, dass der Vogel im 20. Jahrhundert infolge von Verfolgung und giftigen Chemikalien aus grossen Teilen Europas beinahe verschwunden wäre. Schutzmassnahmen ermöglichten die Erholung der Bestände. Die neuerlichen Konflikte zeigen aus ihrer Sicht, dass die Gesellschaft weiterhin Schwierigkeiten hat, sich auf zurückkehrende Fressfeinde einzustellen.

Vielfache Belastungen für die Flüsse im Jura

Die Auseinandersetzung um Kormorane findet vor einem grösseren Hintergrund statt: Süsswasserökosysteme in Ostfrankreich geraten zunehmend unter Druck. Mehrere Faktoren schwächen heimische Fischbestände bereits lange bevor ein Vogel auftaucht:

Belastung Auswirkung auf Fische
Gewässerverschmutzung Verringert den Sauerstoffgehalt, beeinträchtigt die Fortpflanzung und fördert Krankheiten
Wasserkraft und Staudämme Blockieren Wanderungen, verändern die Strömung und zerschneiden Lebensräume
Klimawandel Wärmeres Wasser, stärkere Dürren und Temperaturstress
Abschwemmungen aus der Landwirtschaft Überdüngung, Algenblüten und Verschlammung von Lebensräumen
Übermässiger Besatz und Einbringung von Arten Genetische Vermischung und Konkurrenz für wilde Stämme

Für die Angler stärken diese Umstände ihre Position: Weil Fischbestände bereits zahlreichen Gefahren ausgesetzt seien, wiege jede zusätzliche Sterblichkeit durch Fressfeinde schwer. Vogelschützer entgegnen, dass auch die langfristigen Lösungen in dieser Tabelle zu finden seien – und nicht allein im Visier, das auf Kormorane gerichtet wird.

Zwischen Wissenschaft, Emotionen und Politik

Die örtlichen Behörden müssen zwischen widerstreitenden Interessengruppen abwägen. Angler liefern wertvolle Daten aus der Praxis und vertreten Tausende Lizenzinhaber. Vogelschutzgruppen verfügen durch europäische Richtlinien über rechtliches Gewicht und können beim Schutz wild lebender Tiere auf breite Unterstützung in der Bevölkerung zählen.

Wissenschaftler, die die Präfektur beraten, müssen belastbare Belege von Einzelberichten unterscheiden. Dazu beobachten sie die Schlafplätze der Kormorane, erfassen ihre Nahrungsgebiete und untersuchen die Fischbestände vor und nach der Überwinterungszeit.

Hinter jedem Fachbericht steht ein sehr menschlicher Konflikt: Wer darf entscheiden, welches Ausmass an Beutejagd in einem gemeinsam genutzten Fluss akzeptabel ist?

In vielen französischen Départements besteht ein Kompromiss aus begrenzten, streng kontrollierten Abschüssen an bestimmten Flussabschnitten und nicht tödlichen Massnahmen, etwa Vorrichtungen zur Vergrämung nahe gefährdeten Laichgebieten. Die Angler im Jura verlangen für ihre Flüsse mindestens dieselbe Regelung, statt sie auf kommerziell genutzte Teiche zu beschränken.

Was abgeschlossene und offene Gewässer bedeuten

Ein Teil der Verwirrung geht auf die rechtlichen Begriffe zurück. Nach französischem Recht gilt:

  • Abgeschlossene Gewässer sind Gewässer ohne direkte Verbindung zu öffentlichen Flüssen, etwa private Teiche oder Becken von Fischzuchtanlagen.
  • Offene Gewässer sind natürliche Flüsse, Bäche und Seen, die zum öffentlichen Gewässernetz gehören.

Diese Unterscheidung beeinflusst, wer die Fischbestände verwaltet, wer für die Instandhaltung aufkommt und welche Ausnahmen genehmigt werden können. Präfekten fällt es häufig leichter, Abschüsse auf abgeschlossenen, privat bewirtschafteten Anlagen zu begründen, wo wirtschaftliche Verluste klar messbar sind.

Wie es im Jura weitergehen könnte

Hält der Fischereiverband den Druck aufrecht, könnten sich die Behörden veranlasst sehen, die bestehende Anordnung erneut zu prüfen. In lokalen politischen Kreisen werden mehrere Möglichkeiten genannt:

  • Ausnahmen auf bestimmte Flussabschnitte ausweiten, an denen sich empfindliche Arten konzentrieren.
  • Abschüsse auf Zeiten begrenzen, in denen Fische besonders ungeschützt sind, etwa in winterlichen Wasserstellen bei niedrigem Wasserstand.
  • Zunächst alternative Methoden zur Vergrämung erproben und Abschüsse nur als letztes Mittel einsetzen.

Jede Möglichkeit birgt Risiken. Zu viele Abschüsse könnten Kormorane in benachbarte Regionen verdrängen und das Problem damit verlagern, statt es zu lösen. Zu wenig Handeln könnte den Unmut der Angler verstärken, die sich in Umweltdebatten bereits übergangen fühlen.

Über den Jura hinaus zeigt der Konflikt beispielhaft, wie unterschiedliche Schutzbestimmungen ineinandergreifen: Ein geschützter Vogel frisst geschützte Fische in Flüssen, die ebenfalls durch europäische Richtlinien geschützt sind. Recht und Politik wurden nicht mit Blick auf solche Überschneidungen beim Schutz gestaltet.

Für alle, die Fragen rund um Süssgewässer verfolgen, beleuchtet die Debatte auch ein grösseres Thema: Ist der Artenschutz für eine Art erfolgreich, muss sich die Gesellschaft darauf einstellen. Die Rückkehr eines Fressfeinds führt zu neuen Aushandlungen über Raum, Ressourcen und gemeinsam genutzte Flüsse. Die Angelvereine, Fischzüchter und Vogelbeobachter im Jura loten diesen Winter aus, wo die neuen Grenzen verlaufen – mit jedem Fang und jeder Kormoransilhouette aufs Neue.

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Magdalena Leitner

Magdalena Leitner ist Expertin für regionale Landwirtschaft und ländliche Gastkultur in Österreich. Sie beschäftigt sich mit der Geschichte und Entwicklung des Zettler Hofs sowie mit regionalen Produkten und bäuerlichen Traditionen.

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