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60 Millionen Eisfischnester im Weddellmeer: Ein verborgener Schatz der Antarktis

Forschende in roter Kleidung nimmt Wasserprobe aus einem Eisloch mit Fischen in arktischer Landschaft.
In diesem Artikel
  1. Unter dem Eis: eine unerwartete Stadt aus Eisfischnestern
  2. Vom Staunen zum Tauziehen: Wem gehört eine geheime Kinderstube?
  3. Was geschieht, wenn Nutzung den Schutz verdrängt?
  4. Schutz für einen Ort, den die meisten nie sehen werden
  5. Das ungeliebte Problem: das Klima
  6. Hinter verschlossenen Türen: das Schachspiel um die Antarktis
  7. Was die verborgene Kinderstube still von uns verlangt

Die Kamera sinkt durch schwarzes Wasser wie ein Aufzug ohne Boden. Sie gleitet an treibenden Eiskristallen und dem trägen Aufblitzen einer Qualle vorbei. An Deck ist es still. Einige Forschende beugen sich über Monitore, ihre Gesichter gespenstisch blau beleuchtet. Dann erscheinen auf dem Bildschirm Kreise. Vollkommene, sich wiederholende Kreise, Hunderte davon. Jemand flucht leise, jemand lacht. Plötzlich wirkt das Schiff sehr, sehr klein.

Auf dem Meeresboden des Weddellmeeres liegt unter einer Decke aus antarktischem Eis eine Stadt aus Fischnestern, die über den Bildausschnitt hinausreicht. Nicht Dutzende. Nicht Hunderte. Geschätzte 60 Millionen. Jedes Nest ist so groß wie ein Reifen und wird von einem einzelnen blassen Fisch mit großen dunklen Augen bewacht. Er fächelt den Eiern Wasser zu, wie ein Elternteil, das eine Wiege schaukelt.

Weit über dieser kalten, stillen Kinderstube braut sich in Räumen mit Leuchtstoffbeleuchtung ein anderer Sturm zusammen. Fischereinationen, Polarforschende und Diplomatinnen und Diplomaten mit angespanntem Lächeln stehen einander gegenüber. Für die einen ist die verborgene Metropole ein schützenswertes Wunder, für die anderen ein Wegweiser zu künftigen Gewinnen. Das Eis ist dick, die Geduld dagegen dünn.

Unter dem Eis: eine unerwartete Stadt aus Eisfischnestern

Anfang 2021 kam es auf einem deutschen Forschungseisbrecher beinahe zufällig zu der Entdeckung. Die Polarstern arbeitete sich langsam durch das Meereis, als ein geschlepptes Kamerasystem von der Größe eines Kleinwagens die rätselhaften Kreise vom Meeresboden übermittelte. Zunächst hielt das Team sie für eine ungewöhnliche geologische Formation. Dann schwamm ein Fisch ins Bild.

Es handelte sich um den Eisfisch Neopagetopsis ionah, ein gespenstisch wirkendes Tier, das nur hier vorkommt. In jedem Nest lagen etwa 1.500 Eier, bewacht von einem erwachsenen Fisch. Die Kamera zeichnete weiter auf, und immer neue Nester tauchten auf. Das Raster am Bildschirm erinnerte weniger an Wildnis als an eine geplante Wohnsiedlung – nur dass alle Bewohner Fische waren und ihre Miete in Form von Brutpflege zahlten.

Als das Schiff seine Untersuchungsfahrten abgeschlossen hatte, hatten die Forschenden ein geschätzt 240 Quadratkilometer großes Brutgebiet kartiert. Das entspricht ungefähr der Fläche einer Großstadt, die ganz einer einzigen Lebensphase einer einzigen antarktischen Art gewidmet ist. Für Nahrungsnetze ist das ein Glücksfall, für die Fischerei ebenfalls. Eine so dicht besiedelte Kinderstube könnte wie ein Förderband für Eiweiß wirken. Und sobald etwas so Wertvolles gefunden und kartiert ist, setzt die politische Auseinandersetzung fast von selbst ein.

Vom Staunen zum Tauziehen: Wem gehört eine geheime Kinderstube?

Für die Antarktis gilt ein Geflecht von Verträgen, das den Kontinent für „Frieden und Wissenschaft“ bewahren soll. Auf dem Meer rundherum wird es allerdings kompliziert. Den Südlichen Ozean verwaltet eine Organisation mit langem Namen und einer noch längeren Abkürzung: CCAMLR, die Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis. Sie soll Schutz und Fischerei in Einklang bringen.

Einige Mitgliedstaaten unter Führung der EU und von Ländern wie Deutschland drängten rasch darauf, das Brutgebiet der Eisfische als Sperrzone auszuweisen und in ein großes Meeresschutzgebiet im Weddellmeer einzubeziehen. Ein derart einzigartiger Brutplatz sei wie eine Bibliothek des Lebens, argumentieren sie: Man reiße keine Seiten heraus, bevor man sie überhaupt gelesen habe. Für sie ist das Nestfeld wissenschaftliches Gold – ein lebendes Labor, in dem sich beobachten lässt, wie ein polares Ökosystem auf Erwärmung, dünneres Eis und veränderte Strömungen reagiert.

Andere am CCAMLR-Tisch, insbesondere Russland und China, wehren sich gegen weitreichende Schutzmaßnahmen. Sie verweisen darauf, dass der Vertrag auch die „vernünftige Nutzung“ von Ressourcen unterstützt. Einfacher gesagt geht es um Fischereirechte. Antarktischer Seehecht und Krill aus dem Südlichen Ozean sind bereits ein großes Geschäft und beliefern weltweite Märkte, von Sushi-Theken bis zu Lachsfarmen. Manchen erscheint ein Massengebiet zur Fortpflanzung von Eisfischen wie eine künftige Fischerei, die nur noch auf grünes Licht wartet. Wenn Entscheidungen Einstimmigkeit verlangen, genügt ein einziges „Nein“, um Hoffnung in Stillstand zu verwandeln.

Was geschieht, wenn Nutzung den Schutz verdrängt?

Fischerei, die diese Kinderstube gefährden könnte, muss nicht aussehen wie ein Schleppnetzfischer aus einem Kinofilm, der den Meeresboden aufreißt. Langleinen und Netze, zur falschen Zeit am falschen Ort ausgelegt, könnten nestbewachende erwachsene Fische verfangen oder die Eier stören. Boote, die von ergiebigeren Fanggründen in der Nähe angezogen werden, könnten dem Gebiet so nahe kommen, dass als „Beifang“ unbemerkt und ungezählt Elterntiere aus der Kolonie verschwinden.

Dazu kommt ein Dominoeffekt. Eisfische sind in diesem Ökosystem keine bloßen Statisten. Robben, Wale und größere Fische ernähren sich von ihnen. Wird eine Generation von Eisfischen dezimiert oder unter Druck gesetzt, bekommen das ihre Fressfeinde zu spüren. Daraufhin verändert sich auch deren Beute. Die Auswirkungen laufen durch das gesamte Nahrungsnetz, aufwärts wie abwärts, und lassen sich nie vollständig vorhersagen. Ähnliches war bereits beim Kabeljau im Nordatlantik und bei Sardellen vor Peru zu beobachten. Bricht ein Schlüsselbestand erst einmal zusammen, kann seine Erholung Jahrzehnte dauern – falls sie überhaupt eintritt.

Seien wir ehrlich: Kaum jemand behandelt die Tiefsee so, als wäre jedes Stück Meeresboden unersetzlich. Auf dem Radar wirkt sie leer und damit entbehrlich. Doch dieses Nestfeld ist nicht einfach eine weitere namenlose Schlammfläche. Es gleicht eher der weltweit größten Entbindungsstation für eine einzelne Art. Wird sie gestört, bevor wir ihre Zyklen verstehen, schaffen wir Folgen, die sich durch eine politische Kehrtwende in zehn Jahren nicht rückgängig machen lassen.

Schutz für einen Ort, den die meisten nie sehen werden

Zu den schärfsten Instrumenten, die zur Debatte stehen, gehört das vorgeschlagene Meeresschutzgebiet im Weddellmeer, eine seit Jahren diskutierte Idee. Würde das Nestfeld Teil einer streng geschützten Zone, erhielte es eine klare rechtliche Grenze: keine kommerzielle Fischerei und nur eingeschränkter Zugang für die Forschung. Eine Art Nationalpark unter Wasser, allerdings ohne Besucherzentrum und Souvenirladen.

Diesen Schutz einzurichten bedeutet mehr, als Linien auf eine Karte zu zeichnen. Nötig wären Satelliten und Patrouillen zur Überwachung von Schiffen, elektronische Ortung für zugelassene Fischereifahrzeuge und Datenaustausch zwischen Ländern, die einander nicht immer vertrauen. Auch Geld gehört dazu. Überwachungsflugzeuge und Eisbrecher sind teuer, und die Budgets sind begrenzt – besonders wenn Krisen in der Nähe lauter nach Aufmerksamkeit verlangen als stille Fischnester unter dem Eis.

Das andere Mittel ist weniger streng, aber wirkungsvoll: Normen. Wenn Forschungsteams ihre Ergebnisse in frei zugänglichen Fachzeitschriften veröffentlichen und Dokumentarfilme Millionen Menschen diese verborgene Stadt der Nester zeigen, wird es für jeden Staat schwieriger, das Gebiet stillschweigend als frei verfügbares Fanggebiet zu betrachten. Öffentlicher Druck schreibt keine Verträge, beeinflusst aber, was Delegationen in einem Sitzungssaal in Hobart oder Brüssel zu blockieren wagen. Sobald ein Ort die gemeinsame Vorstellungskraft erobert, erhält er eine Art informelles Bürgerrecht auf unserer gemeinsamen moralischen Landkarte des Planeten.

Das ungeliebte Problem: das Klima

Selbst wenn morgen alle Fischereinationen aufwachten und sich darauf einigten, das Nestfeld in Ruhe zu lassen, wäre bereits eine langsamere Gefahr unterwegs. Der Südliche Ozean erwärmt sich. Nicht überall und nicht gleichmäßig, aber ausreichend, damit sich Meereis später bildet, früher schmilzt und seine Dicke verändert. Für Eisfische, die sich evolutionär an die Fortpflanzung innerhalb eines genau bestimmten Temperatur- und Sauerstoffbereichs angepasst haben, können solche kleinen physikalischen Veränderungen große Folgen haben.

Das Nestfeld ist auf ein genau passendes Zusammenspiel angewiesen: kaltes, sauerstoffreiches Wasser, das durch den Weddellwirbel strömt; eine stabile Eisdecke, die den Wellengang begrenzt; und gerade genug Produktivität im Oberflächenwasser, damit Nahrung durch die Wassersäule nach unten sinkt. Wärmere Strömungen, versauerndes Wasser oder veränderte Winde könnten dieses Gleichgewicht verschieben. Eier könnten sich anders entwickeln, Fressfeinde leichter Zugang finden. Krankheiten, die in extremer Kälte kaum bestehen können, könnten plötzlich Fuß fassen.

Eine weitere Sorge begleitet die Verhandlungen im Hintergrund. Jeder Schutz, der jetzt beschlossen wird, ist letztlich eine Wette auf ein bewegliches Ziel. Wenn die Nester mit veränderten Bedingungen wandern oder die Population auseinanderbricht, könnte das heutige Schutzgebiet morgen zur Geisterstadt werden. Politisch Verantwortliche mögen solche Unsicherheit nicht. Sie bevorzugen beständige Karten und stabile Ausgangswerte. Die Antarktis bietet zunehmend weder das eine noch das andere.

Hinter verschlossenen Türen: das Schachspiel um die Antarktis

Bei Sitzungen der CCAMLR und zum Antarktisvertrag klingt die Sprache diplomatisch, doch die Interessen sind unverblümt. Staaten, die in Polarlogistik, Eisbrecher und Forschungsstationen investieren, erwarten häufig ein Mitspracherecht bei der Nutzung der Ressourcen der Region. Sie sprechen von „Präsenz“ und „Engagement“. Dahinter zeichnet sich ein langer Schatten ab: der künftige Zugang zu Bodenschätzen, strategischen Routen und lebenden Ressourcen, während leichter zugängliche Gebiete der Welt erschöpft werden oder politisch instabil sind.

In diesem Umfeld wird das Nestfeld der Eisfische zur Bewährungsprobe. Kann die internationale Gemeinschaft einen lebenden Schatz erkennen und gemeinsam beschließen, Abstand zu halten? Oder wird er als „potenzielle Gelegenheit“ abgelegt und einer Grauzone überlassen, in der die Regeln schwach und ihre Durchsetzung noch schwächer sind? Saison für Saison wurden Vorschläge für große Meeresschutzgebiete im Südlichen Ozean von nur wenigen Staaten abgeschwächt, verzögert oder blockiert.

Diesen Moment kennen wir alle: Der kurzfristige Gewinn liegt so deutlich vor uns, dass er die leise Stimme übertönt, die sagt: „Das wirst du später bereuen.“ Multipliziert man dieses Gefühl mit siebenundzwanzig Mitgliedstaaten, die unterschiedliche Ziele verfolgen, ergibt sich die gegenwärtige Blockade. Fangquoten werden erneuert. Kompromisse werden vorgeschlagen und scheitern. Die Nester warten im Dunkeln, vorerst unberührt von den Reden über ihnen.

Was die verborgene Kinderstube still von uns verlangt

Die Eisfischnester im Weddellmeer werden wohl nie Teil von Urlaubsplänen oder eines Instagram-Profils sein. Dafür sind sie zu abgelegen, zu kalt und zu fremdartig. Dennoch verrät ihr Schicksal etwas sehr Vertrautes über uns: wie wir mit unsichtbaren Reichtümern umgehen, besonders wenn niemand hinsieht. Eine Milliarde im Verborgenen abgelegter Eier, bewacht von Elterntieren, die wahrscheinlich vor der nächsten Brutsaison sterben, liefern weder Parolen noch Stimmen. Sie sind einfach da.

Unter all dem rechtlichen und wissenschaftlichen Fachjargon liegt ein schlichter Satz: Manche Orte verdienen es, in Ruhe gelassen zu werden, selbst wenn wir sie nie mit eigenen Augen sehen. Seit der Entdeckung dieser Unterwasserstadt lässt sich dieser Wahrheit schwerer ausweichen. Unwissenheit ist schwerer zu behaupten, wenn der Beweis vor die Kamera schwimmt, Nest um Nest um Nest.

Während sich die Verhandlungen hinziehen, bleibt für uns andere etwas seltsam Einfaches. Wir können uns entscheiden, uns für einen Ort zu interessieren, der so fern ist, als läge er auf einem anderen Planeten. Wir können darüber sprechen und Regierungen unbequeme Fragen stellen, die über Eis ihre Flaggen hissen, das sie selbst nie betreten werden. Und wir können uns dieses wenig glamouröse, zutiefst geduldige Bild vor Augen halten: Millionen blasser Fische halten unter einem Dach aus Eis still ihre Eier am Leben, während wir darüber streiten, was ihre Welt wert ist.

Kernaussage Einzelheit Nutzen für Leserinnen und Leser
Verborgene riesige Kinderstube Entdeckung von rund 60 Millionen Eisfischnestern auf 240 km² im Weddellmeer Das Ausmaß und die Einzigartigkeit dieses antarktischen Ökosystems erfassen
Politische Blockade Streit innerhalb der CCAMLR zwischen Staaten, die strengen Schutz befürworten, und solchen, die künftiger Fischerei Vorrang geben Verstehen, weshalb weitreichende Schutzversprechen in der Praxis stocken
Doppelte Bedrohung Gemeinsamer Druck durch mögliche Fischerei und den sich beschleunigenden Klimawandel auf einen fein abgestimmten Lebensraum Erkennen, wie Umweltentscheidungen in fernen Regionen mit globalen Klimafragen zusammenhängen

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Magdalena Leitner

Magdalena Leitner ist Expertin für regionale Landwirtschaft und ländliche Gastkultur in Österreich. Sie beschäftigt sich mit der Geschichte und Entwicklung des Zettler Hofs sowie mit regionalen Produkten und bäuerlichen Traditionen.

Häufig gestellte Fragen

Warum sind diese antarktischen Fischnester so bedeutsam?

Das Nestfeld ist die größte bekannte Fischbrutkolonie der Erde. Als konzentrierte Quelle des Lebens trägt es einen ganzen Teil des antarktischen Nahrungsnetzes.

Darf dort einfach jeder fischen?

Nein. Das Gebiet unterliegt den Regeln für den Südlichen Ozean. Ohne besonderen Schutzstatus sind die Vorgaben jedoch weniger streng und hängen davon ab, wie die CCAMLR Quoten festlegt und durchsetzt.

Sind diese Eisfische derzeit wirtschaftlich wertvoll?

Noch nicht in großem Umfang. Anders als Kabeljau oder Thunfisch sind sie keine bedeutende globale Handelsware. Genau deshalb sehen manche eine „künftige Gelegenheit“, während andere eine Chance erkennen, das Gebiet vor Beginn der Nutzung zu schützen.

Würde ein Meeresschutzgebiet jede menschliche Tätigkeit verbieten?

Üblicherweise würde es die kommerzielle Fischerei einschränken oder verbieten, sorgfältig geregelte wissenschaftliche Forschung und Umweltbeobachtung aber weiterhin zulassen.

Was können gewöhnliche Menschen bei einem so weit entfernten Thema realistisch tun?

Sie können die Berichterstattung über die Verwaltung der Antarktis verfolgen und teilen, Organisationen unterstützen, die sich für den Schutz des Südlichen Ozeans einsetzen, und gewählte Vertreterinnen und Vertreter zu entschlossenen Positionen in internationalen Verhandlungen drängen.

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